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ISBN 978-3-940640-55-0

Felix Polonia


von Wolfgang Swillims
Taschenbuch, ca. 401 Seiten.
Preis: 12.90 Euro
*inkl. Mwst. zzgl. Versandkosten
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Leseprobe aus "Felix Polonia":

Die zweite Geschichte

Der neue Fernsehapparat

"Es gibt da eine Geschichte, die sich so zugetragen haben soll oben an der Ostsee zwischen Stettin und Danzig. Eine alte Frau aus Pankowo fuhr mit ihren beiden Enkelkindern, Olga und ihrem Bruder Olek, beide Mitte zwanzig und noch ledig, nach Mielno an die Ostsee. Sie hatte sich schon seit langem sehnlich gewünscht, vor ihrem Ende noch einmal dort in der Ostsee zu schwimmen, wo sie als Kind das Schwimmen gelernt hatte. Die drei fuhren also mit dem kleinen Polski Fiat der beiden Enkel nach Mielno zu einem Kurzurlaub, den die Großmutter aus ihrem Ersparten finanzierte. Omas Hund Lady, ein großes und schweres Bernhardinerweibchen, war auch dabei. Niemand wusste mehr genau, wie alt der Hund war, man wusste jedoch, dass er seit gut 15 Jahren Omas treuer und wachsamer Begleiter war, der fest zu ihrem Leben gehörte.
Beim Schwimmen im Meer, das der alten Dame, so erzählten die beiden später, großen Spaß gemacht hatte, erlitt die betagte Hund wohl auf Grund von Überanstrengung einen schweren Kreislaufkollaps und verendete noch an Ort und Stelle. Die beiden jungen Leute waren dadurch in beträchtliche Schwierigkeiten geraten. Ihnen war einerseits bewusst, dass es stets Babias, wie sie von ihren Enkelkindern liebevoll genannt wurde, Wunsch war, dass Lady in Pankowo in Omas großem Obstgarten begraben werden sollte. Andererseits war ihnen jedoch auch klar, dass der tote Hund nicht mehr in den kleinen Wagen passte, weil dieser bereits mit allen möglichen Mitbringseln restlos voll gestopft war, sie sich allerdings keinen professionellen Transport des toten und bei der Wärme bereits riechenden Tieres in den rund 500 km entfernten Ort leisten konnten. Also beschlossen sie kurzerhand, niemand etwas zu erzählen und einen großen, stabilen Fernsehkarton zu organisieren, Lady hineinzusetzen, auf den Dachgepäckträger des kleinen Autos zu hieven und so schnell wie möglich die Rückreise nach Pankowo anzutreten. Dort sollte Lady dann in aller Stille unter Omas Obstbäumen begraben werden.

Nun war es gar nicht so einfach, einen solch großen Fernsehkarton zu organisieren. Wer gab ihnen schon einen Karton der gewünschten Ausmaße ohne Inhalt, das heißt, ohne dass sie auch einen Fernseher kauften?

‚Wir fahren in das große Einkaufszentren nach Koszalin und gucken uns dort mal um' schlug Olek vor. ‚Da gibt es so viele Kunden, so dass die Verkäufer gar nicht mehr wissen, wem sie wann etwas verkauft haben. Wir behaupten einfach, wir haben vor ein paar Monaten dort einen dieser neuen Fernseher gekauft und auf den sperrigen Karton verzichtet. Jetzt wollen wir umziehen und brauchen nun doch den Karton.'
‚Das ist eine gute Idee, hoffen wir, dass man uns das glaubt.
Lasst uns am besten sofort losfahren; wir haben keine Zeit zu verlieren'. Olga war ganz aufgeregt und lief los, um sich eine Jacke anzuziehen.
Im Einkaufszentrum ging alles glatt. Die Geschichte mit dem Umzug wirkte glaubwürdig auf die Verkäuferin, die sie bediente. Die beiden taten ihr obendrein leid, so wie sie dastanden und irgendwie hilflos wirkten. Die Verkäuferin hatte ebenfalls vor kurzem einen Umzug hinter sich gebracht; sie wusste, wie man sich fühlt, wenn man in eine neue Wohnung zieht, alles so neu und anders ist und eine Menge Probleme auf einen einstürmen. Da wollte sie nicht kleinlich sein und nach Quittungen fragen, mit einem Wort, sie wollte nicht im Wege stehen.

Als die beiden mit dem leeren Karton zu ihrer Ferienunterkunft kamen, fuhren sie um das kleine Haus, in dem sie wohnten, erst einmal herum, um dann von hinten an die Terrasse heranzufahren, auf der sie Lady, die sie in Plastiksäcke eingeschlagen hatten, in den Karton setzen wollten.
Den Karton bereitgestellt und ihn geöffnet, das war schnell gemacht. Das mit dem Einladen des Hundes war da schon weitaus schwieriger. Zum einen möchte man auf gar keinen Fall dabei beobachtet werden, zum Weiteren kamen jetzt Bedenken auf, den treuen Hund, der ihnen so ans Herz gewachsen war, so lieblos zu behandeln.
Olga fasste sich ein Herz und sprach es aus: 'Du guckst mich so vorwurfsvoll an, Olek, doch was sollen wir machen? Das Geld für den Fremdtransport haben wir nicht, Lady ist tot; Babia ist doch einverstanden Wenn wir nicht darüber sprechen, dann wird es Babia auch nicht so schwer.'
‚Das glaube ich auch. Lebendig machen können wir Lady auch nicht mehr, an ihrem Tod tragen wir keine Schuld. Über den Rest sollten wir uns keine Sorgen machen.'
Olek zeigte sich erleichtert, jetzt, da er das ausgesprochen hatte, was ihm im Kopf herumging
Und doch war ihnen so merkwürdig zu Mute, als sie Lady in den Karton hineinsetzten und ihn verschließen wollten.
‚Ja, welch ein Glück wir doch haben, Olga' antwortete Olek ein wenig spöttisch. Ihm war immer noch nicht recht wohl bei der ganzen Angelegenheit, doch kannte auch er keine Alternative.

Zur selben Zeit machte Familie Sobieski in Koronowo, das auf der Strecke von Mielno nach Pankowo - etwas mehr als eine Autostunde hinter Mielno - liegt, das, was sie abends gewöhnlich tat. Sie versammelte sich im gemeinsamen, karg möblierten Wohnzimmer vor dem Fernseher. Es konnte einem angst und bange werden, wenn man sah, wie die elektrischen Leitungen verlegt waren, zu Bündeln verknotet und an mehreren Stellen aus der Wand herausragend. Blanke Stellen waren zu sehen. Ein wahres Wunder, dass es bisher noch nicht zu einem Kurzschluss oder Kabelbrand gekommen war. Oma und Opa, Vater und Mutter und drei der fünf Söhne waren anwesend und machten es sich vor dem Telewisor bequem. Heute Abend sollte es einen Film geben aus der Serie Columbo, die gern gesehen wurde.
Leider passierte heute das, was in jüngster Zeit nahezu jeden Abend die Geduld der Familie auf immer neue Proben stellte. Das Bild des Fernsehers zeigte mal wieder das, was man nicht erhoffte, um es gelinde auszudrücken. Ein ständiges Flimmern und Rauschen trübte den Sehgenuss empfindlich, so dass von Genuss eigentlich keine Rede mehr sein konnte. Wäre das allein nicht schon schlimm genug, so kam heute so genanntes Schneegestöber hinzu, was die Bildqualität tief in den Keller sinken ließ, so tief, wie die Stimmung der Familie ebenfalls sank.

‚So geht das nicht weiter', sprach der Großvater ein Machtwort und haute mit der Faust auf den Tisch, dass es in den Vitrinen schepperte. ‚Verflixt noch mal, wie oft habe ich euch schon gesagt, dass es so nicht weiter geht. Besorgt heute noch einen neuen Telewisor. Hier habt ihr 2000 Zloty. Wie ihr das macht, ist mir egal. Ich kann diesen alten, verdammten Kasten nicht mehr sehen. Und ihr wisst, dass ich den Columbo so gern sehe. Ihr habt doch so viele Beziehungen. Tut endlich mal was und lasst diese Beziehungen spielen.'
Der Alte war sichtlich erbost und gab den Enkelsöhnen die Schuld an dem Debakel. Dabei hatte er selbst seinerzeit den Apparat gekauft. 'Ein Schnäppchen', das waren seinerzeit seine Worte gewesen. Doch daran mochte ihn jetzt keiner erinnern; was wohl auch besser war.

Wenn Opa wütend wurde, dann herrschte Alarmstufe eins. Keiner aus der Familie wagte dann, aufzumucken, sondern versuchte, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. So auch heute Abend. Die beiden ältesten Söhne der Sobieskis, Piotr und Stanislaw, stürmten hinaus, setzten sich in den Wagen Piotrs und zündeten sich erst einmal eine Zigarette an. Piotr, der ältere der beiden Brüder, stöhnte: ‚Dziadek hat gut reden; wo sollen wir heute Nachmittag einen neuen Telewisor herkriegen?'
Stanislaw: ‚Lass uns zu Bolek in die Stadt fahren, der weiß immer Rat. Der macht doch ständig Geschäfte mit Deutschland. Vielleicht hat er mal wieder ein gutes Gerät da. Es würde mich nicht wundern.'

Auf dem Weg in die Stadt kamen sie auf den Zubringer zur Fernstraße, die nach Norden führt. Nach ein paar Kilometern passierten sie die Raststätte nordöstlich von Koronowo und trauten ihren Augen nicht, was sie da sahen.
‚Fahr mal ein wenig langsamer, Piotr, ich kann es nicht glauben.'
‚Denkst du gerade, was ich denke?' ‚Wir sparen Dziadeks 2000 Zloty und bringen trotzdem einen tollen Fernseher heim.'
Ein kleiner Polski-Fiat mit drei Leuten bog gerade ab und fuhr auf den Parkplatz der Raststätte. Auf dem Dach des Fiats befand sich, mit mehreren Spanngurten gesichert, ein riesiger Fernsehkarton. In Großbuchstaben, weithin sichtbar, waren all die Merkmale zu lesen, die ein Fernseher hatte, der auf dem allerneuesten Stand der Technik war: HD-Qualität und gigantische Abmessungen.
Durch das tägliche Surfen im Internet waren die beiden bestens informiert, was sie da vor sich hatten und wurden schlagartig nervös.
‚Das gibt es doch nicht' entfuhr es ihnen gleichzeitig. Mit ‚Das kann doch wohl nicht wahr sein' setzten sie ihre Verwunderung fort.
‚Das schauen wir uns mal näher an.'
Sie stiegen aus und wollten die Lage sondieren. Zuerst mussten sie die Insassen des Fiats in der Raststätte ausfindig machen, um sie beobachten zu können und einen günstigen Zeitpunkt abzupassen, um den Karton unbemerkt an sich nehmen zu können. Das war leichter gesagt als getan; denn die drei Leute, zu denen der kleine Wagen gehörte, steuerten in dem Lokal einen Fensterplatz ganz in der Nähe ihres Autos an. Sie hätten sie ihren Wagen jederzeit beobachten können, was die beiden jungen Männer mit Missbehagen zur Kenntnis nehmen mussten. ‚Kurwa' entfuhr es Stach, ‚was nun?'
Piotr wusste Rat. ‚Ich gehe in die Raststätte, organisiere das, dass die drei einen anderen Platz einnehmen müssen und lenke sie ab. Du hievst den Karton in unseren Ford Transit, dann sieht ihn keiner mehr.'
‚Gute Idee' pflichtete Stach seinem Bruder bei.
Alles klappte wie geschmiert. Beide waren sichtlich zufrieden, ja, mehr als zufrieden sogar.

Auf dem Weg nach Hause machten sie Halt, um nachzusehen, ob der Fernseher auch gut geschützt für den Transport im Karton gelagert war. Was sie da sahen, machte sie fassungslos. Sie brüllten beide wie aus einem Mund: ‚Kurwa.'
‚So ein Mist auch, was die Leute heute so alles in Fernsehkartons transportieren. Man glaubt es nicht.
Jetzt müssen wir doch die 2000 Zloty ausgeben.'

Die beiden überlegten nicht lange, sondern holten den Karton mit dem toten Hund aus dem Lieferwagen und setzten ihn an der nächsten Kreuzung einfach an den Straßenrand. Eine kurz darauf dort vorbei kommende Polizeistreife hielt an, räumte den Karton von der Straße und benachrichtigte sofort ihre Wache von dem Verkehrshindernis.
‚Ihr sagt, es ist ein Fernseher der Marke Teletrend Saturn XXL?' fragte der Dienst habende Polizist.
‚Ja, genau.'
‚Wir haben heute Morgen eine Meldung herein bekommen, dass heute Nacht beim Fernsehhändler Pawlak genau dieses Modell gestohlen wurde. Fahrt doch mal bei ihm vorbei und fragt nach, ob das sein Gerät ist.'

Die Polizeistreife bestätigte den Auftrag und fuhr umgehend bei Alfons Pawlak vor. Als dieser den Karton sah mit dem vermeintlichen Inhalt, war er heilfroh. Derart froh, dass er in der ersten Euphorie nicht auf die Idee kam, in den Karton zu schauen. Heute hatten schon mehrere Kunden gerade nach diesem Typ gefragt. Er hätte dieses Modell allein an diesem Vormittag mehrfach verkaufen können.

Ohne weiter nachzudenken, ließ er den großen Karton gleich ins Lager bringen und dort abstellen.

Es verging nur kurze Zeit, als Piotr und Stanislaw den Laden des Alfons Pawlak betraten und nach einem modernen Fernsehgerät fragten. Pawlak hatte einen ausgezeichneten Ruf für seine Sonderangebote und seinen fachlichen Service- seit vielen Jahren. Und er war auch bekannt dafür, dass er sehr geschäftstüchtig war.

‚Gerade habe ich ein Supergerät herein bekommen. Es steht im Lager, Sie können es sofort mitnehmen.
Folgen Sie mir bitte ins Lager - für 2500 Zloty können Sie es haben.'
‚2000 - und keinen Zloty mehr.'
‚Gut, dann aber ohne Rückgaberecht. Den Transport müssen Sie auch selbst übernehmen.'

‚Einverstanden. Wo ist das Gerät?'

Die beiden schnappten sich den Karton und wollten auf geradem Weg den Laden verlassen, als der Händler sich ihnen in den Weg stellte.
‚Wollen Sie sich das Gerät denn nicht wenigstens anschauen?'
‚Wozu, wir kennen den Typ bestens. Außerdem werden wir schon erwartet.'
Die beiden Brüder schauten sich von der Seite an. Ein saures Lächeln huschte über ihre Gesichter.
Wenn sie gewusst hätten, …


Im Hause Sobieski angekommen, wurden die beiden schon sehnsüchtig erwartet. Mit vereinten Kräften waren bereits Möbel gerückt und ein exponierter Standort für den neuen Blickfang ihres Wohnzimmers frei geräumt worden. Die Nachbarn, die etwas von der ungewohnten, wuseligen Betriebsamkeit mitbekommen hatten, schauten wie zufällig vorbei, um den Grund für die gesteigerte Aktivität der Sobieskis zu erfahren.
Alle saßen sie nun im Wohnzimmer, teils in bequemen Polstern, teils auf dem Fußboden, als der riesige Karton mit den viel versprechenden Aufklebern hereingetragen und auf seinen für alle gut sichtbaren Ehrenplatz gehoben wurde.
‚Gut gemacht' sagte Dziadek nur. Es war das letzte, das wie Anerkennung klang an diesem späten Nachmittag.
Der restliche Vorabend war der reinste Wahnsinn, gewürzt mit einer starken Prise Verzweiflung und grenzenloser Überraschung und ging zweifellos in die Annalen der Familie Sobieski ein. Generationen hatten Gesprächsstoff für jede Familienzusammenkunft - und nicht nur bei den Sobieskis, als plötzlich statt des erwarteten Fernsehapparates die tote Bernhardinerhündin auf den Teppich rollte."

‚Das ist ja wirklich eine ganz tolle Geschichte, Frau Gärtner. Ich habe jedoch das Gefühl, eine ähnliche Geschichte schon mal irgendwo gehört zu haben.'

"Das kann gut sein, doch habe ich Ihnen das Original erzählt. Die Geschichte ist schon oft erzählt und dabei vermutlich vielfach abgewandelt worden. Jeder Erzähler hat etwas dazu gemacht oder weggelassen, so wie es ihm am besten passte. Ursprünglich ist sie in Polen passiert. Da bin ich mir ganz sicher. So etwas Verrücktes kann nur in Polen geschehen."

‚Mich interessiert in diesem Zusammenhang, warum solche Geschichten, wenn sie in Polen spielen, ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit bei uns in Deutschland haben.'

"Das weiß ich nicht zu sagen, doch ich vermute etwas. Hier in Polen - so denkt man in Deutschland wohl - hat man ein anderes Verhältnis zum Eigentum als anderswo. Ich denke, da ist was dran. Unterm Strich jedoch wird hier nicht mehr gestohlen als in Deutschland. Vielleicht offener, was die Leute dann jedes Mal entsetzt, wenn sie es beobachten."

'Und wie lautet Ihre Erklärung?'

"Mein Mann hatte dazu folgende Meinung:
Das kleine Polen ist in der Vergangenheit häufig der Spielball der Großmächte gewesen, die mit Polen machten, was sie wollten, weil es schwach war. Es ist viel Unrecht geschehen. Man hat über polnisches Eigentum verfügt, als gäbe es keinen Eigentümer. Das hat die Polen verbittert und geprägt. Jetzt glauben sie, die Berechtigung zu haben, sich in kleinen Schritten das zurück zu holen, was ihnen einst genommen wurde."

‚Klingt plausibel, Frau Gärtner'

"Warum sind die Deutschen so interessiert an Geschichten aus Polen, ist jetzt meine Frage?"

‚Weil viele Deutschen ihre Wurzeln in Polen haben.'

"Das klingt auch plausibel."

-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-

Nach diesen ins Psychologisch-Philosophische gehenden Betrachtungen wurde Maria Gärtner ein wenig unruhig, vermied den unmittelbaren Blickkontakt, zumindest konnte man diesen Eindruck bekommen. Sie war es nicht gewohnt, derlei Überlegungen anzustellen und fühlte sich auf diesem Terrain sichtlich unsicher. Viel lieber erzählte sie Geschichten aus dem Alltag. Das entspannte sie zusehends, da sie nicht ihre eigene Meinung enthielten, die kritisiert und bewertet werden konnte. Sie konnte gelassen bleiben und sich daran erfreuen, wenn ihr Gesprächspartner sie aufmunternd anlächelte.
So dauerte es nicht lange, bis sie mit der dritten Geschichte begann.

 

Die dritte Geschichte

Wer anderen eine Grube gräbt …

"Bauer Jacek Slomka besaß ein steiniges, stark abschüssiges Grundstück, ein wenig abseits gelegen am Rande Pankowos, auf dem so gut wie nichts wuchs und das er mit dem Traktor weder befahren noch bearbeiten konnte. Mit einem Wort: Das Grundstück war für ihn als Landwirt praktisch wertlos. Einige Versuche, das Areal als Bauland zu verkaufen, waren gescheitert. In seiner Verzweiflung kam Slomka dann eine Idee, die seine miese Stimmung der letzten Wochen und Monate ganz erheblich aufhellte und ihn schlagartig euphorisch stimmte.
Er dachte: ‚Wenn ich auf dem Grundstück des Nachbarn Bogus, der ein reicher Geldsack ist, heimlich eine Truhe vergrabe, die uralt aussieht und in diese Truhe eine ebenso uralt aussehende Karte lege, auf der eine Stelle auf meinem Grundstück markiert ist, an der ein uralter Schatz vergraben ist. Und wenn der Nachbar Bogus dann beim Pflügen die Kiste und die Schatzkarte findet, dann wird er in seiner Gier alles versuchen, um mir mein scheinbar wertvolles Grundstück abzukaufen. So gut kenne ich ihn.'
So hatte sich das der Bauer Slomka gedacht - und war von seiner Idee restlos begeistert. Schon am nächsten Tag fuhr er in die Stadt, um bei einem Antiquitätenhändler eine hölzerne Kiste zu erwerben. Der Händler hatte jedoch keine solche Kiste vorrätig, jedoch eine mit Eisen beschlagene Truhe, reich mit Schnitzereien verziert und massiv in der Verarbeitung.
Slomka erkundigt sich nach dem Alter der Truhe.
‚200 bis 250 Jahre, vielleicht auch älter. Das eingeschnitzte Jahr ist leider nicht mehr zu erkennen.'
Diese Auskunft des Händlers genügte Slomka vollauf.
'Können Sie die Truhe so herrichten, als habe sie diese Zeit unter der Erde zugebracht?'
Der Händler schaut Slomka fragend an. ‚Wie meinen Sie das?'
‚So wie ich das gesagt habe. Können Sie das machen?'
Der Händler wollte sich neugierig zeigen, doch Slomka blockte ab. ‚Können Sie die Truhe so präparieren, wie ich das haben will - oder nicht?'
'Wenn Sie das wünschen, mache ich das, es dauert allerdings ein paar Wochen und wird nicht billig werden. Das sage ich Ihnen gleich. Zusammen mit der Spezialbehandlung 30.000 Zloty.
Slomka schluckt. Mit so viel Geld hatte er nicht gerechnet. Doch war er derart überzeugt von dem Gelingen der Aktion und dem zu erwartenden hohen Gewinn, dass er ohne weiter zu überlegen zusagte. ‚Also gut, dann hole ich in vier Wochen die Truhe bei Ihnen ab. Sie muss dann aber fertig sein.'
‚Darauf können Sie sich verlassen.'

Vier Wochen später war die Truhe tatsächlich fertig und sah so aus, wie es sich Bauer Slomka vorgestellt hat.
Es konnte also losgehen mit der Nacht-und-Nebel-Aktion. Zu Hause angekommen, riet Slomka zur Vorsicht. Als sie auf den Hof fuhren, ermahnte er seine beiden Söhne, die ihm bei dem Vergraben der Truhe auf Nachbars Grundstück helfen sollten, die Worte Truhe oder Schatz und Ähnliches auf keinen Fall in den Mund zu nehmen.
‚Nachbar Bogus darf keinen Verdacht schöpfen. Ihr müsst besonders beim Saufen in der Kneipe vorsichtig sein. Keiner von uns darf einen Tropfen zu viel trinken. Ihr wisst, wie leicht ein unbedachtes Wort im besoffenen Kopf ausgesprochen wird. Und dann ist alles vorbei - aus und vorbei mit dem großen Geld.'
‚Klar, Vater, wir wissen Bescheid und reißen uns zusammen.'
‚Das will ich auch hoffen, sonst seid ihr längstens meine Söhne gewesen.' Slomkas Gesicht bekam nach und nach die Farbe einer Tomate, was die Ernsthaftigkeit der Situation unterstrich.
‚Jetzt haben wir die Truhe, doch wo ist die Schatzkarte?' Die beiden Söhne schauten ihren autoritär den Hof und die Familie einschließlich Großmutter regierenden Vater fragend an.
‚Ja meint ihr denn, ich war faul in den vergangenen vier Wochen. Ich habe in der Stadt meinen alten Schulfreund Hermann aufgesucht, der kennt jemand, der sich in der Geschichte und Sprache unserer Region gut auskennt. Der hat die Karte mit alten Flurbezeichnungen und in der Sprache der damaligen Zeit auf altem Papier, das er aus einem antiquarischen Buch aus dieser Zeit herausgetrennt hat, hergestellt. Das Schwierigste war wohl, Tinte zu produzieren, die den Eindruck erweckt, als sei sie vor 250 Jahren benutzt worden. Kurz und gut - alles ist bereit.'

‚Wann soll es denn losgehen, Vater?'
'Sobald der Vollmond vorbei ist. Wir brauchen keine ungebetene Beleuchtung.'
‚Ich schaue im Kalender nach, wann die Vollmondphase vorbei ist', bot sich der ältere der beiden Söhne, der Antek genannt wurde, an.
‚In genau drei Tagen ist der Vollmond vorüber' fand Antek rasch heraus.
Mit ‚Dann lass uns diesen Tag festhalten' legte der Vater den Termin fest.

Am festgelegten Abend kamen die drei in der großen, dennoch gemütlichen Küche des Bauernhauses der Slomkas zusammen. Die Spannung war förmlich mit den Händen zu greifen. Wäre in diesem Augenblick jemand zu Besuch gekommen, er hätte unmittelbar gespürt, dass sich hier irgendetwas zusammen gebraut hat, etwas im Gange war, das nichts mit dem normalen Tagesablauf zu tun hatte.
Glücklicherweise gab es keinen Besuch. Die Aktion konnte beginnen.
Zur selben Zeit saß Bauer Bogus, der ebenfalls zwei Söhne hatte, mit ihnen und seiner Frau am Abendbrottisch zusammen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen - oder gerade deswegen - war der Familie Bogus aufgefallen, dass auf dem Nachbarhof der Slomkas irgendetwas im Gange war. Man kannte sich seit Jahrzehnten und merkte sofort, wenn etwas anders war als sonst. Vater Bogus, der etwas geschaffen hatte in den letzten dreißig Jahren, worauf er mächtig stolz war, hatte in gleicher Weise ein eher misstrauisches Verhältnis zu seinen sämtlichen Nachbarn entwickelt, insbesondere zu den Slomkas. Er hatte sie im Verdacht, dass sie ihm seinen Erfolg nicht recht gönnten, sondern nur darauf warteten, dass ihm ein gravierender Fehler unterlief oder eine Missernte widerfuhr oder etwas in dieser Richtung. An diesem Abend war sein Misstrauen gegenüber den Slomkas besonders groß; Bogus wusste nicht, warum, es war eben so, als würde ihm seine innere Stimme sagen: ‚Pass auf!'
Mit festem Blick schaute er voller Konzentration in Richtung des Slomka-Anwesens. Ihm war, als ob er in unregelmäßigen Intervallen in der Dunkelheit eine Taschenlampe aufblitzen sah, ganz nah an der Grenze zu seinem eigenen Acker, den er Morgen unter den Pflug nehmen wollte.
Mit ‚Das schauen wir uns mal näher an' forderte er seine Söhne auf, ihn zu begleiten. Sie bestiegen den Dachboden und öffneten lautlos die Dachluke. Da die Luke nur klein war und lediglich einer Person Platz bot, kletterte Vater Bogus zuerst auf den bereit gestellten Stuhl und spähte in die Dunkelheit hinaus in Richtung Grundstücksgrenze zu den Slomkas. Und tatsächlich, da war wieder der kurz aufblitzende Schein einer Taschenlampe. So viel konnte Bogus in der kurzen Zeit erkennen, dass drei Personen einen großen Gegenstand trugen, der so aussah wie eine Kiste. Die beiden Bogussöhne spähten ebenfalls in die vom Vater beschriebene Richtung und bestätigten das, was Vater gesehen hatte. Piotr, der jüngere der beiden Brüder Bogus, war aufgeregt, als er berichtete: ‚Da schleppen drei Gestalten eine Kiste auf unseren Acker. Wenn ich das richtig erkannt habe, dann hat die dritte Gestalt so etwas wie einen Spaten oder eine Schaufel dabei. Es sieht so aus, als wollten die drei die Kiste auf unserem Acker vergraben.'

‚Merkt euch die Stelle' forderte Vater Bogus seine beiden Söhne auf. 'Wenn die drei weg sind, werden wir nachschauen, was in der Kiste ist.' Der alte Bogus war jetzt - wie seine Söhne - vollständig von dem Fieber eines heimlichen Beobachters erfasst, der Witterung aufgenommen hatte.

Die drei Bogus, die sich inzwischen auf mehrere Dachfenster verteilt hatten, konnten es kaum erwarten, dass die dunklen Gestalten ihre Arbeit beendet hatten. Sie konnten im Augenblick mehr erahnen als sehen, doch das reichte ihnen, um sich ein grobes Bild vom Geschehen da draußen zu machen.

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis die Gestalten den Acker der Bogus verlassen hatten. Als es dann endlich soweit war, mahnte Vater Bogus zur Vorsicht. ‚Wir können nicht sofort losrennen, das würde auffallen. Ich denke, eine halbe Stunde sollten wir noch warten.'
Die schmale Mondsichel spendete ihr trübes Licht, als die drei Bogus sich in gebeugter Haltung auf den Weg zu der Stelle auf ihrem Acker machten, die sie sich gemerkt hatten. Mit bloßen Händen gelang es ihnen, die Truhe zum Vorschein zu bringen. 'Fasst an und bringt sie in die Scheune' kommandierte der Alte in gewohnter Manier.

Als sie die schwere Truhe öffneten, staunten die drei nicht schlecht. Nachdem sie die Karte beim trüben Licht der Scheunenlampe betrachtet hatten, war ihnen allen klar, um was es hier ging. 'Hier wollte uns Nachbar Slomka aber mächtig reinlegen. Dieser Mistkerl; dem werden wir es aber heimzahlen.' Der Jüngste aus der Bogusfamilie war richtig stolz auf sich, das Wort ergriffen zu haben und etwas sagen zu können, ohne dass ihm widersprochen wurde, bevor er es richtig ausgesprochen hatte. Es tat ihm gut; er war sichtlich mit sich zufrieden.

‚Die Frage ist nur, wie wir das anstellen wollen' trug nun auch der ältere Sohn sein Scherflein bei.
Mit ‚Das lass nur meine Sorge sein' gewann der Vater wieder das Kommando zurück, so wie es immer war in all den Jahren, an die sich seine beiden Söhne erinnern konnten.

‚Raus damit, Vater'. Der jüngere der beiden erwachsenen Söhne ergriff wieder das Wort. ‚Wir wollen wissen, was dir eingefallen ist; so einfach wird es nicht sein, den Slomkas eins auszuwischen.'
‚Passt mal auf; ich habe da eine Idee.' Vater Bogus war in seinem Element. Er streckte seinen gedrungenen Körper, als wollte er noch an diesem Abend in die Höhe wachsen, um seinem beträchtlichen Gewicht die Körpergröße zu geben, die dazu passte.
‚Wir werden das Spiel mitspielen, allerdings nach unseren Vorstellungen und unseren Regeln.'
‚Was haltet ihr davon, wenn wir die Karte ein wenig verändern und das Kreuz, das die Fundstelle markiert, auf unser Grundstück verschieben?'
‚Und was haben wir davon?' wollten die beiden Söhne wissen.
‚Ganz einfach. Wir erzählen überall herum, dass auf unserem Grundstück ein uralter, vermutlich wertvoller Schatz vergraben ist. Erstens brauchen wir dann nicht mehr Slomkas Grundstück zu kaufen, was ihn enorm ärgern wird, weil er sich davon wohl eine Menge Gewinn versprochen hat. Und dieser Gewinn bleibt jetzt aus, auf all den Kosten für den Kauf der wertvollen Truhe und die Anfertigung der echt erscheinenden Karte bleibt er dann obendrein sitzen. Außerdem werden viele Städter zu uns raus kommen, um nach dem Schatz zu graben - natürlich gegen Gebühr. Sie können - wie seinerzeit in Alaska - einen Claim pachten und werden doch nichts finden; lediglich die Hoffnung bleibt. Wir bekommen Geld in die Kasse und obendrein das Land umgegraben. Ist das nichts?'
‚Genial' entfuhr es den beiden Söhnen voller Stolz, einen derart klugen Vater zu haben.
‚Lasst uns sofort damit beginnen, die Karte nach unseren Wünschen umzuzeichnen' mahnte der Vater an. Er war ganz aufgeregt und erfüllt von grenzenloser Vorfreude bei dem Gedanken, den Slomkas so richtig eins ausgewischt zu haben."

So hat manches Schlechte auch sein Gutes.

Es dauerte nicht lange, und Maria begann mit der nächsten Story.



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