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Menschen gibt es überall


von Klaus Tröbs
DIN A 5, ca. 267 Seiten.
Preis: 14.90 Euro
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Inhalt "Menschen gibt es überall":

Roland Bergner und zwei Freunde studieren zu DDR-Zeiten in Leipzig Medizin. Als man sie nötigt, der FDJ beizutreten, entschließen sie sich, in den Westen zu türmen. Die Flucht misslingt, die Stasi will ein Exempel statuieren und macht sie zu Spionen. Sie werden zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Ihnen gelingt die Flucht aus dem Knast, doch sie sind nur von einem Gefängnis ins andere geraten, denn in Berlin wurde die Mauer errichtet. Gelingt es Ihnen, dieses Hindernis auf dem Weg in die Freiheit zu überwinden?

Leseprobe "Menschen gibt es überall":

Die grüne Minna hält ruckartig. Schritte nähern sich, eisenbeschlagene Knobelbecherschritte. Jemand öffnet von draußen die Tür. Sie sind da. „Los, raus!“, kommandiert eine befehlsgewohnte Stimme. Sie stolpern ins Freie. Der Wagen steht mitten auf dem Hof eines Zuchthauses. Um sie herum stehen Uniformierte, in einer Ecke arbeiten Männer in Anstaltskluft. Sie jäten Unkraut, das zwischen den Fugen des Kopfsteinpflasters wuchert. Sie schauen nicht auf, sie sind eifrig bei ihrer Arbeit.
„Mitkommen!“ Die Uniformierten nehmen sie in die Mitte und führen sie ab. Sie gehen quer über den Hof. Verstohlen blickt er sich um. Das Zuchthaus macht einen soliden Eindruck. Der Zellentrakt türmt sich hufeisenförmig in den Himmel, dicke Mauern umgeben den Gebäudekomplex, und auf den Mauern erkennt er Stacheldrahtmanschetten. Von den Ecktürmen drohen die Läufe von Maschinengewahren. In einem Zwinger heulen Bluthunde.
Er sieht dies alles aus den Augenwinkeln heraus. Er sieht es und weiß Bescheid. Im Stillen hatte er sich eine Chance ausgerechnet. Irgendwie hatte er geglaubt, seinen Bewachern entkommen zu können, aber das ist ganz aussichtslos. Einen Georg Heisler wird es hier sicherlich nicht geben, aber dieser existierte auch nur in der Phantasie der Autorin Anna Seghers.
Vor einer vergitterten Pforte halten sie. Ein Uniformierter klopft, Schlüssel rasseln, die Tür wird umständlich geöffnet. Er bekommt einen Stoß und ist drinnen im Betonklotz, der für die nächsten Jahren seine Heimat sein muss. Vor, neben und hinter den Gitterstäben aus massiven Stahl, Betonmauern, Bewacher in dunklen Uniformen. Sie machen keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Das also ist das berüchtigte Zuchthaus Bautzen, ein Zuchthaus für besondere Verbrecher und politisch Verurteilte.
Rechts befindet sich eine Barriere, dahinter stehen zwei Uniformierte. An einem Schreibtisch in der Ecke sitzt ein höherer Beamter und mustert sie mit unverhohlener Neugier. Einer ihrer Begleiter reicht drei Aktendeckel über die Barriere. Es sind ihre Akten, in denen alles steht. Jede Kleinigkeit ist vermerkt und aufgezeichnet, diese Akten charakterisieren sie als politisch Verurteilte, und wer ein solcher ist, der hat hier in diesem Zuchthaus in Sachsen wahrlich nichts zu lachen. Der Beamte liest darin und blickt mehrmals zu ihnen hoch, er schüttelt den Kopf und blättert weiter, schließlich klappt er die Akten zu und lehnt sich zurück. „So, meine Herren“, wendet er sich nun an sie, „da wären wir also. Wie ich sehe, haben Sie vor, einige Jahre bei uns zu bleiben. Gut, wir werden sehen, ob wir aus Ihnen noch verantwortungsbewusste Staatsbürger formen können. Bisher haben wir das hier immer noch geschafft. Wir haben ja Zeit, sehr viel Zeit.“
„Bergner“, sagt er dann und nennt eine Nummer, in die er sich nun zu verwandeln hat. Diese Nummer wird er nun in all den Jahren sein, sie wird sein Ausweis sein in diesem Gebäude, mit dem er sich bei den Wächtern zu identifizieren hat. Jeder der Drei bekommt eine solche Nummer, sie sind damit offiziell Insassen des Zuchthauses und den hier geltenden Regeln und Gesetzen unterworfen.
Die nächste Station ist die Effektenkammer. Sie wird von einem älteren Wächter betreut. Hier nehmen sie nun gänzlich Abschied von sich selbst, sie bekommen ihre Anstaltskleidung verpasst und werden damit zu der Nummer, die der Beamte vorhin genannt hat. Der Alte reicht ihnen ihre Utensilien, derbe Kleidungsstücke, Unterwäsche, Socken, ein Paar Schuhe, die Häftlingsmontur und das Käppi. Jetzt müssen sie sich ausziehen, doch Umkleidekabinen gibt es nicht. Die Wächter sehen ihnen beim Umkleiden zu und machen Witze. Sie lachen über Igels beleibten Körper und Schwabbels etwas kurzen Penis. Ihre Zivilsachen müssen sie nun abgeben. Der Wächter stapelt sie in ein Regal, wo schon andere Häufchen liegen. Ein jedes ist ein Menschenschicksal. Verbrecher, Politischer, Familienvater, den sie bei der Republikflucht erwischt haben, ein Arbeiter, der sich im Betrieb den Mund verbrannte, hier sind sie alle gleich, eine Nummer, der jeder Wärter jederzeit in den Arsch treten darf.
Die Häftlingsmontur passt ihnen nicht. Sie sehen darin fürchterlich aus, aber wen interessiert das hier schon. Für Äußerlichkeiten hat niemand einen Sinn. Und die anderen Häftlinge, die die draußen auf dem Hof arbeiteten, oder auch die anderen, die sie noch kennen lernen werden, sehen auch nicht viel adretter aus. Sie alle sind hier, weil man sie bestraft hat und nun umerziehen will.
Dazu gehört, dass man aus dem Individuum, das durch die Pforte kommt, eine Nummer macht. Eine Nummer, die sich in nichts von den anderen Insassen dieses Hauses unterscheidet. Dazu gehört auch der Einheitsschnitt, der ihnen im Anschluss verpasst wird. Der Friseur ist ein Taschendieb und kein gelernter Haarkünstler. Er arbeitet daher nur mit Schere und Schermaschine, und damit kann er umgehen. Nur wenige Stoppeln bleiben zurück. Es wird eine Zeitlang dauern, bis ihnen die Haare wieder gewachsen sein werden.
Jetzt sind sie echte Häftlinge. Sie tragen die Anstaltsmontur, sie sind kahlgeschoren wie die anderen auch, sie sind jetzt ein Teil dieser Anstalt. Nun werden sie einquartiert. Zunächst kommt jeder von ihnen in Einzelhaft. Ihre Zellen liegen im 1. Stock. Es sind schmucklose Räume mit einer einfachen Holzpritsche, einem wackligen Tisch, einem Hocker, einem Wandschrank mit zwei Fächern und einem Eimer, der ihre Toilette darstellt. Es ist menschenunwürdig dies alles, aber ein Zuchthaus ist nun einmal ein Zuchthaus und kein Sanatorium.
Er ist mit sich allein. Die Tür wurde hinter ihm verschlossen, Schritte entfernen sich, eine andere Tür klappt, dann wird es still draußen. Endstation eines Lebensabschnittes, Endstadion und Tiefpunkt zugleich, tiefer geht's nicht mehr. Er geht zum Hocker und setzt sich. Er muss das alles erst verarbeiten. So schnell geht das alles nicht.
Gedankenverloren starrt er auf die Tischplatte, in der sich ehemalige Leidensgenossen verewigt haben. Wünsche und Begierden ins weiche Holz geritzt. Triviale pornografische Zeichnungen, der nackte Körper einer Frau, Brüste, Schamhaare, daneben ein steifes Glied unnatürlich vergrößert. Aber auch ein Hakenkreuz mit „Sieg-Heil“-Inschrift, ein weiteres nacktes Mädchen, ein dünngeritzter Spruch: „Ich habe nichts verbrochen, das schwör ich auf der Stelle, und doch musst ich hier sitzen, es war für mich die Hölle.“ Fragmente, Automobile, Strichmännchen, ein mit ungelenker Hand eingraviertes Monogramm „H-M“, dann Striche, immer ein Strich für einen Tag, viele Striche, viele Tage. Er wird 4380 Striche in den Tisch ritzen müssen, 4380 Tage, das sind 12 Jahre. Und 12 Jahre sind eine lange Zeit.
Und warum das alles? Warum sitzt er eigentlich in dieser schmucklosen Zelle? Warum ist er ab sofort nur eine Nummer? Warum haben sie ihn eingelocht? Und wofür muss er büßen? Hat er einen Laden überfallen, ein Kind verführt, einen Menschen ermordet, jemand totgeschlagen, gestohlen, jemand beleidigt, Geld veruntreut, mit Rauschgift gehandelt? Hat er nicht. Er hat auf andere Weise gegen geltendes Recht verstoßen, gegen Gesetze, die der Staat zu beschließen gezwungen war, weil er es nicht verstanden hat, seinen Bürgern jenes Maß an Freiheit zu gewähren, das jeder braucht, um glücklich und vor allem zufrieden zu sein. Sie gingen ihm laufen, sie wollten nur weg, rüber in den Westen, den goldenen. Und der Staat musste reagieren. Plötzlich war das strafbar, plötzlich war es streng verboten wegzugehen. Verstoß gegen das Passgesetz hieß die neue Straftat, und wer dabei erwischt wurde, den traf die ganze Härte des Gesetzes.
Drei Jahre war das geltende Strafmaß für Republikflucht, wie das neue Verbrechen genannt wurde, drei Jahre Zuchthaus. Gut, er wollte türmen, er wollte sich einer Verhaftung entziehen, er wollte weg von hier, raus aus diesem Land, in dem er 21 Jahre seines Lebens verbracht hat, das seine Heimat war. Und dafür 12 Jahre Zuchthaus.
Republikflucht war es nicht allein, dessen man sie bezichtigte. Sie leisteten ganze Arbeit. Sie wollten ein Exempel statuieren. Und das taten sie dann auch. Der Prozess gegen sie war eine Farce. Das Urteil stand bereits vor der Verhandlung fest. Sie waren schon schuldig gesprochen, bevor sie in den Gerichtssaal geführt wurden. Das alles stand schon fest. Aber der Prozess wurde durchgeführt. Es war ein Schauprozess. Man wollte alle warnen, die sich ebenso verhielten wie die drei Angeklagten. Und davon gab es viele im Arbeiter-und-Bauern-Staat deutscher Prägung.
Der Prozess fand große Aufmerksamkeit, erregte großes Aufsehen. Er sollte Aufsehen erregen. Das war beabsichtigt. So waren Fernsehen, Rundfunk und die Presse geladen. Das war beileibe nicht bei jedem Prozess so, der in der DDR stattfand. Es gab auch Prozesse, die man ganz im Stillen
durchführte, und es gab sogar Menschen, denen man nie den Prozess gemacht hat. Die saßen einfach bis sie schwarz wurden. Kein Hahn krähte nach ihnen. Was für ein Glück, dass man ihnen noch den Prozess machte!
Es war ein echtes Spektakulum. Rolli erinnerte sich dabei an einen Film über den Reichstagsbrandprozess, sie hatten diesen Film mit der ganzen Klasse besucht. Jochen Brockmann spielte den Georgi Dimitroff, souverän, redegewandt und allen überlegen. Er machte sie alle lächerlich, die Großen des Nazireiches, besonders aber Hermann Göring, der keine Argumente hatte und nur brüllen konnte, und er siegte über die Nazijustiz.
Van der Lubbe wurde hingerichtet, Dimitroff er aber kam frei, er hatte sich selbst freigepaukt. Sie dagegen hatten diese Chance nicht. Die Kommunisten haben aus dem Reichstagsbrandprozess ihre Lehren gezogen. Für sie durfte es keinen Georgi Dimitroff geben. Die drei Angeklagten hatten einen Verteidiger, einen Pflichtverteidiger. Sie hatten selbst nichts zu sagen und durften nur sprechen, wenn sie gefragt wurden. Und gefragt wurden sie fast nicht.
Der Staatsanwalt ließ Zeugen auffahren, die sie alle gut kannten. Es waren die FDJler der Gruppe, mit denen sie sich geprügelt hatten. So etwas soll vorkommen. Das war durchaus kein Politikum, ihnen aber sollte nun ein Strick daraus gedreht werden. Sie sollten die FDJler angeblich bewusst provoziert haben



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