![]() ISBN 978-3-940640-31-4 |
Der kleine Regentropfen |
Ein Gewitterguss
Sofia und ihr Begleiter steigen immer höher. Die Kirchturmspitze ist unter
ihnen zurück geblieben und wirkt wie Spielzeug. Die Luft wird kälter.
Die ersten Regentropfen, noch ganz klein, begleiten das ungleiche Paar auf ihrem
Weg. Es geht immer noch höher hinauf. Zwischen die Regentröpfchen
mischen sich einige wenige, noch sehr kleine Eiskristalle.
Die strecken ihre kurzen Arme aus und ziehen immer mehr neue Tropfen zu sich
heran.
Sofia kann den Erdboden fast nicht mehr sehen, so hoch schwebt sie bereits.
Um sie herum ist nur noch Nebel. Der kleine Regentropfen hat wieder kräftige
Arme und Beine bekommen . "Halte dich richtig fest!", ruft ihr nasser
Begleiter da auch schon.
Beide werden mit einem Ruck an die Scheibe des Flugzeugs gedrückt, das
gerade in diesem Augenblick vor ihnen auftaucht.
Sofia ist von der Wucht des Aufpralls überrascht und lässt ihren Freund
los. "Ich falle runter!", ruft sie laut.
Doch die Triebwerke des Flugzeuges übertönten ihre Stimme.
Sie rutscht bis zum Rand der Scheibe vor ihr, an die sie noch immer mit großer
Kraft gedrückt wird.
Hier ist es nicht mehr so steil, so dass der kleine Regentropfen Sofia einholt.
Er ist mit einem lautem Juchzen und mit einem Lachen hinabgerutscht.
Wieder Hand in Hand beruhigt der Tropfen das Mädchen: "Keine Angst
wenn wir fallen, kommen wir als Regentropfen immer unversehrt auf dem Boden
an. Regentropfen zerbrechen nicht."
Zum antworten hat Sofia keine Zeit.
Doch Angst hat sie ganz bestimmt.
Mindestens ein bisschen. Das Flugzeug gleitet über ihnen hinweg. Sie fallen
nicht zur Erde hinunter.
Immer noch in großer Höhe finden sie sich mit unendlich vielen Regentropfen
in einer dichten Wolke wieder.
Diese dicke graue Regenwolke wächst mit jeder Minute weiter. Erste Regentropfen
sind auf dem Weg zur Erde.
Es ist ein stürmischer Fall in die Tiefe. Doch die Wolke türmt sich
noch weiter in die Höhe. Es entsteht eine große, fast schwarze Gewitterwolke
mit vielen, vielen Tropfen Regen darin.
Warme und kalte Luft treffen genau neben der Wolke aufeinander.
Der Schreck fährt Sofia in alle Glieder, als der erste Blitz zur Erde hinunter
zuckt. Genau neben ihr und ihrem Retter brennt sich der Blitz seinen Weg durch
die Luft. Es ist der Hellste, den Sofia jemals gesehen hat.
Der Donner folgt mit lautem Krachen. Kaum hat das Regentropfenmädchen sich
an das Wetter gewöhnt, bemerkt sie die große Gefahr.
Fast alle Regentropfen haben die Wolke verlassen.
Auch der kleine Regentropfen macht sich für den Sprung zum Erdboden bereit.
Gleich muss auch sie zur Erde herunter stürzen.
"Klettere auf meinen Rücken und halte dich gut an mir fest.",
fordert der kleine Regentropfen das Mädchen auf.
Das lässt sich Sofia nicht zweimal sagen.
Ihre Furcht ist sofort viel kleiner.
Schon rasen die beiden mit großer Geschwindigkeit auf die Wiese in dem
Garten unter ihnen zu.
Trotz der vielen gleichzeitig fallenden Tropfen stoßen sie nicht mit anderen
Regentropfen in der Luft zusammen. Sofia verliert ihre Angst völlig und
wartet auf die Landung.
Plötzlich werden sie von einer Windböe erfasst und weit zur Seite
geworfen.
Mit einem Prasseln treffen die Tropfen auf das rot gedeckte Hausdach.
Immer mehr und immer schneller nachrückende Regentropen schupsen das Mädchen
und ihren Freund, den Regentropfen das Dach herunter.
Sie rutschen unfreiwillig immer tiefer und werden dabei schneller und schneller.
Aufgefangen wird der Sturz von einem Gitter mit engen Maschen. Es liegt in
der Dachrinne und kann das strömende Wasser nur wenig bremsen.
Weiter geht die Achterbahnfahrt die Dachrinnenrutsche hinunter. Zuerst gleiten
sie etwas langsamer, dann fallen sie wieder senkrecht hinunter.
"Bestimmt kommen wir im Abflussrohr unter der Strasse an.", ruft der
kleine Regentropfen Sofia zu.
Aber Sofia wird zur Seite gerissen und durchquert ein anderes Rohr. Sie landet
in einer Regentonne.
Der kleine Regentropfen ergreift ihre Hand. "Hoffentlich hat dir die echte
Regentropfenrallye gefallen.", wünscht der vor Glück strahlende
Regentropfen.
Sein Hut ist trotz der rasanten Fahrt nicht verloren gegangen. Sofia taucht aus dem Wasser auf und nickt.
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