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zurück - Leseprobe - Rezensionen - weitere Bücher von Wolfgang Stell

Duffle-Coat und Blue-Jeans


von Wolfgang Stell
DIN A 5, ca. 163 Seiten.
Preis: 12.90 Euro
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Inhalt "Duffle-Coat und Blue-Jeans":

Nichts ist so atemberaubend wie die Wirklichkeit. Was einem tatsächlich wiederfahren kann, das könnte sich die blühendste Fantasie kaum ausdenken. Das zeigt in drastischer Weise der Roman "Duffle Coat und Blue-Jeans", in dem jeder Satz wahr ist und genau so sich ereignet hat, und dabei doch so unglaublich ist. Der Roman ist ein authentisches Zeugnis der ganz frühen 70ger Jahre:

Der siebzehnjährige Hippie Wolfgang lernt die fünfzehnjährige Hannah kennen. Hannah lebt in einem Erziehungsheim. Als die beiden sich in einander verlieben, haut Hannah aus dem Erziehungsheim ab und taucht bei Wolfgangs Mutter unter. Ohne Ausweis, von der Polizei gesucht und auf der Flucht. Aber es kommt noch schlimmer...

Leseprobe aus "Duffle-Coat und Blue-Jeans":

Bevor ich ins KZ - richtig heißt es natürlich Kultur Zentrum - ging, hatte ich noch bei Linneborn angerufen, da wurden Hilfskräfte gesucht, ich kam aber zu spät, was mir eigentlich auch egal war. Ich war zwar mal wieder completely broke, trotzdem, irgendwie bin ich nicht zum Arbeiten geboren. Im KZ hab' ich mich gleich hingesetzt und die Stellenanzeigen in der WAZ gelesen, habe mir nicht wie sonst einen Kaffee gekauft, weil ich wie gesagt vollkommen blank war und auch keiner da war, der mir was pumpen konnte, lauter Bekannte zwar, die aber alle nur davon leben, auf der Straße irgendeinen erstbesten Fremden anzuhauen und sich nicht eher abschütteln lassen, bis der einen Fuchs springen lässt, weil er sich das Gequassel nicht mehr anhören kann. Während ich also die Stellenanzeigen zur Lektüre habe, kommt plötzlich Jürgen Schefferer - auch einer von denen, die ein Pferd kaputt quasseln können - ins KZ. Mit Scheffi, manchmal nennen wir ihn so, hab' ich mal auf dem Pütt gearbeitet, auch eine Maloche, die ich jetzt bei aller Liebe nicht mehr machen könnte. Jürgen ist ein ziemlich abgerissener Bursche, der eigentlich eher einem Berber als einem Typen ähnelt. Er hatte einmal ein überaus hübsches Mädchen, das auch noch, was mich ganz besonders entsetzte, in unserer Straße wohnte. Sie musste aber meiner Meinung nach auf irgendeine Art pervers sein, sonst hätte sie sich nicht mit Schefferer abgeben können. Ein Schulfreund von mir kommentierte einmal dazu: Wer Scheffi dranlässt, läßt auch einen Hund dran. Jürgen sieht mich lesen und sagt: "I-Druck sucht Leute", sagte danach erst "Tag Wolfgang", und dann "ich hab noch ein paar Mark, fährst du mit mir nach Werden? Alle Typen haben schon mal bei I-Druck gearbeitet, ist bestimmt nicht schlecht!"

Im Verwaltungsgebäude der Industriedruck AG hat man uns ganz schön lange warten lassen. Wir wollten gerade wieder abhauen, da kam der Produktionsleiter, riss uns die Lohnsteuerkarten und die Versicherungskarten aus der Hand und sagte etwas ähnliches wie "4 Mark 23 die Stunde, morgen früh um sechs Uhr anfangen." Diese Art von Behandlung gefiel mir überhaupt nicht, ich erinnre mich, dass ich mir damals sagte, das sind die Fragmente eines anachronistischen Größenwahns. Ein anachronistischer Größenwahn wie die christlichen Religionen, Religionen überhaupt, wie die Politik und wie die Diskussionen über den Sinn des Lebens ein einziger Größenwahnsinn sind. "Scheiße, dass der Blödmann unsere Papiere schon hat, ich hab' nämlich echt keinen Bock mehr, da zu arbeiten", sagte ich, aber Jürgen war das offensichtlich ganz gleich, so wie ich immer den Eindruck hatte, als sei diesem komischen Kerl alles gleich. Ein Bursche, den man in den Arsch treten kann, und der einem gleich danach jeden Dienst erweisen würde.

Am nächsten Morgen, ich hatte mir das Fahrgeld von meiner Mutter geliehen, war ich viel zu früh am Essener Hauptbahnhof, wie ich immer überall viel zu früh komme, weil ich immer in der panischen Angst lebe, etwas zu verpassen, und wobei mir nur manchmal klar wird, dass, wenn ich mal etwas verpasse, es nur darum verpasse, weil ich irgendwo viel zu früh weg gegangen bin um irgendwo viel zu früh anzukommen. Als ich am Bahnhof ankam, das Wetter war ziemlich gut für den Monat Mai, liefen die letzten übriggebliebenen Stricher da herum, standen an den Säulen, linkes Knie angewinkelt, linker Fuß mit der Sohle an der Säule, rechte Hand am rechten Oberschenkel: "Taxi, Taxi, komm du süßer Schnucki, ich will jetzt sofort nach Hause, also tann tschüs tu süße Naschkatze." Ein alter ekelhafter Kerl schielte stur auf die Stelle meiner Hose, wo ich meinen Phallus verberge, stand dann jeden morgen da und peilte mit seinen geilen Augen die gleiche Stelle an, hat mich aber zum Glück nie angesprochen, wäre mir auch peinlich gewesen, ihm erklären zu müssen, dass ich keine warme Ader habe, hätte vielleicht gemeint, ich hätte was gegen ihn persönlich. Als Jürgen kam, war auf dem Bahnsteig nichts mehr, das mich noch interessieren könnte. Zwei S-Bahn-Züge hatte ich bereits fahren lassen, aber ich hatte versprochen zu warten, und es machte mir auch nichts aus zu warten, man hat ja Übung im Warten, die ganze Moral, Lebensmoral, Lebensethik, die ganze Lebenserwartung ist aufgebaut auf das Warten, alles was uns noch aufrecht hält, ist, dass wir auf etwas warten, jeder auf seine Art. Ich insbesondere wartete mal wieder darauf, dass Hannah aus dem Erziehungsheim kommt, Gelegenheit bekommt, auszukneifen, den großen Satz zu machen. Sonst war sie immer, wenn man sie geschnappt hatte, nach drei Tagen wieder da, aber diesmal war sie schon über einen Monat weg, und die höchst suspekte Tatsache, dass ich sie besuchen konnte, hat mich zu dem kompletten Irrsinn gebracht, zu ihrem Vormund zu gehen und kackfrech herauszusagen, dass wir gern heiraten würden. Hannahs Vormund, eine immer mit Rat zur Seite stehende alte Frau, war zu meinem eigenen Entsetzen überfreundlich, sagte dann aber, ich sollte erst einmal eine Basis schaffen, in meinen erlernten Beruf zurückgehen, fünftausend Mark, eine Wohnung und Möbel beschaffen. Hannah ist immer wieder ausgebrochen und hat ihre Lehre abgebrochen, muss also sowieso erst einmal ein bis zwei Jahre im Heim bleiben. - Und damit sind wir wieder einmal beim Warten.

Jürgen kam jetzt die Treppen zum Gleis dreizehn rauf, kam aber nicht allein, hatte noch jemanden bei sich, der offensichtlich ein Typ war, den ich allerdings noch nie vorher gesehen hatte, und von dem ich sofort den Eindruck hatte, als kennte ich ihn schon immer, der mir auch gleich sympathisch war, und zu dem ich - das sei vorweg gesagt - ein Freundschaftsverhältnis gewann, das heute noch so ungetrübt ist wie eh und je. Stevie kam also mit Jürgen zum Bahnsteig rauf. Richtig heißt Stevie Hartmut Herdes, kann aber diesen Namen nicht ausstehen, will ihn auch nicht hören und nennt sich deshalb einfach Steve Hermes, was auch besser ist, denn Stevie sieht gar nicht aus wie ein Hartmut, ist auch alles andere als ein Hartmut und könnte auch nie ein Hartmut sein.

Im Zug, auf der Fahrt nach Werden, erzählte Stevie mir gleich Bruchstücke aus seinem Leben, erzählte, dass er selbst einige Zeit in der Landeserziehungsanstalt verbracht hat, dass die Frau, die ein Kind von ihm hat und mit der er lange Zeit friedlich zusammen gelebt hat, nun von ihren eigenen Eltern ins Heim gesteckt worden ist und die Eltern das Kind bei sich haben und es misserziehen. Ich erzählte noch nicht, dass ich auch auf jemanden aus dem Erziehungsheim wartete, weil ich nicht so unangenehm auffallen wollte, wie mir oft Leute ungenehm auffallen, weil sie alles können, alles haben, alles wissen und alles schon mal mitgemacht haben, die mir zuwider sind, ungeachtet, ob es nun die Wahrheit ist oder nicht. Ich habe auch festgestellt, dass es die Schweigsamen sind, jene, die nicht bei jedem Anhaltspunkt loslabern wie ein Wasserfall, die einem auf Befragen das meiste und jedenfalls das Wissenswerteste erzählen können. Je mehr einer Gewissheit gewinnt, desto bescheidener wird er, weil es immer die Gewissheit über die immer bestehende unvermeidbare Ungewissheit ist.

Als ich bei I-Druck in die Buchbinderei kam, die Abteilung, in der ich arbeiten sollte, war das eigentlich eine richtige Gaudi. Überall, an jeder Maschine saßen, standen, Freunde von mir, vor allem meine Namensvetter Wolfgang Macka und der stabile Wolfgang Taberkel. Der erste Tag war ziemlich lang. Wir mussten am Ende einer Zusammentrag-Maschine an einem Tisch lose, aufeinander gelegte Blätter aufstoßen und systematisch stapeln. Eine Hundsmaloche übrigens weshalb dieser Tisch auch Idiotentisch genannt wird. Am zweiten Tag I-Druck ist Scheffi schon nach vier Stunden Idiotenarbeit abgehauen, ohne sich abzumelden, hatte einfach keinen Bock mehr, konnte dann am nächsten Morgen gleich wieder nach Hause fahren. Jetzt geht er wieder auf der Straße schnorren und beklaut seine Alte und hängt dann im KZ rum. Der nächste war Wolfgang Macka, der keine Bleibe hatte, der immer bei I-Druck im Papierkeller pennte und sich eine Woche lang vierundzwanzig Stunden am Tag bezahlen lassen hat, ist dann aber aufgeflogen, hat auch tatsächlich noch seinen ganzen Lohn ausbezahlt bekommen. Danach war erst einmal ziemlich Schluss damit. Es sind zwar täglich welche geflogen, aber meist Leute, die ich nur vom Guten-Tag-Sagen kannte.

Nach einigen Tagen bekam ich mit Stevie zusammen einen guten Job: Ich, bzw. Stevie, saßen an einem kleinen, quadratischen Tisch, auf dem die Bücher über ein Transportband ankamen, die dann mit einer lässigen Handbewegung, die man mit der Zeit rein automatisch vollführt, in einen Dreimesserautomat geschoben wurden. Der andere von uns stapelte die übrigbleibenden Bücher, die später, wenn die Produktion stillstand, nachträglich beschnitten wurden. Wir sprachen über Edgar Allen Poe und über Dostojewski, vor allem über den Roman "Erniedrigte und Beleidigte". Ich amüsierte mich köstlich, wenn Stevie eine große Holzpalette heranzog, denn auch das ist eine Sache, die einfach nicht zu ihm passt. Überhaupt passt manuelle Arbeit nicht zu Stevie. Stevie ist ein Anachronist, der einmal selbst sagte, er wäre gern Hofnarr am Hofe Ludwigs des Vierzehnten. Steve ist Gitarrist und liebt klassische Musik. Er war lange auf dem Konservatorium, und jeder, der ihn spielen hört ist fasziniert. Gundi, die Frau, die ein Kind von Stevie hat und jetzt im Erziehungsheim ist, hatte in Gelsenkirchen als Bardame gearbeitet um Steve und das Kind zu ernähren, hatte in der Bar einen anderen kennen gelernt, der sie am folgenden Tag zum Essen im Kaufhof einlud, und den man Pierre nannte. Steve ging ihr nach in den Kaufhof und fordert sie auf, sich zu entscheiden, und sie entschied sich für Pierre. Einmal hat Stevie Pierre und Gundi im Park mit dem Kinderwagen spazieren gehen sehen, hat den Kinderwagen (mit Kind darin) an sich gerissen und ist damit wie verrückt geworden aus dem Park und über die Straße gerannt. Nach diesem Ereignis hat er Gundi nicht mehr gesehen, hat sie überall gesucht, erst in Gelsenkirchen, dann in Essen, im Pop in Club und im Podium. Im Podium war dann eine etwa dreißigjährige, nicht direkt schlecht aussehende Frau (Stevie war einundzwanzig), die Steve erst ein fantastisches chinesisches Essen ausgab, ihn dann mitnahm nach Düsseldorf, in das Hotel Düsseldorfer Hof, in dem sie ein Zimmer hatte, brachte, dort allabendlich vernaschte und ihm jeden morgen dreißig Mark schenkte. Eine Woche hielt Stevie das aus, hatte es dann satt, fuhr zurück nach Essen, um bei seiner Großmutter, die zwar murrte, ihn aber doch immer wieder aufnahm, zu wohnen und bei I-Druck zu arbeiten. Dass Gundi im Heim ist, erfuhr er von seiner Großmutter, und Pierre war jetzt oft am Podium.

Bei I-Druck machten wir uns über die Buchbinder lustig, ganz besonders über einen, den wir Neandertaler nannten, der auch wirklich aussah wie ein Neandertaler, und der vermutlich auch noch schwul war, und dessen Vater ein Beerdigungsinstitut besaß. Neandertaler erzählte manchmal Geschichtchen wie zum Beispiel, dass bei der männlichen Leiche zuerst der Pimmel verfault. Einmal hat er sich die Zeitschrift "him" gekauft, weil er angeblich nicht wusste, was damit los ist, und sagte: "Wenn mein Vater mich damit erwischt, schlägt er mich tot!" Dann war da noch Friedhelm, der immer Bilder aus Porno-Magazinen ausschnitt, sie auf das Transportband, das zu den Frauen führte, legte, dann gleich hinterher lief, und die Bildchen, bevor sie bei den Frauen ankamen, hastig wieder runter nahm und verschämt grinste. Dieses Spiel wiederholte er ununterbrochen, bis einmal der Meister, der übrigens immer einen roten Kopf hatte, ihn ermahnte. Ich sah das von weitem, als der Meister gestikulierte, und sein roter Kopf dabei blau wurde, unwillkürlich musste ich lachen, der Meister sah das, und der Kopf wurde - man wird's nicht glauben - grün. Mein Gott, war das ein Horror. Seitdem heißt dieser Meister bei uns nur noch "Horrorkopf". Eines hatte ich mir vom Horrorkopf nie vorstellen können, was Steve aber mit eigenen Augen gesehen haben will: dass Horrorkopf, wenn er sich unbeobachtet fühlt, manchen Weibern den Arsch tätschelt. Nur den alten Weibern allerdings, von denen er weiß, dass die nichts dagegen haben. Im Gegenteil. Bodo, auch ein Buchbinder, hatte, als er Vater wurde, soviel Bier und Schnaps verteilt, dass Wolfgang Taberkel vollkommen blau, von oben bis unten voll von weißem Staub, sich in einen Papierberg legte, mit Papierfetzen um sich warf und obszöne Lieder lallte. Ein köstlicher Anblick. Während ich mit der automatischen Bewegung Bücher in den Dreimesserautomat schob, las Stevie mir aus einem Buch vor. Wenn Stevie den Automat fütterte las ich vor. Abends gingen wir oft zusammen ins Podium. Dort kratzten wir die letzten Groschen zusammen und bestellten uns eine Cola, die wir zusammen tranken. Das machten alle dort so. Manchmal tranken sogar drei Leute an einer Cola, aber dann war der Kellner sauer, weil er nichts verdienen konnte. Wenn Pierre in der Nähe war, sprachen wir Wörter wie "Scheißkopf" und "Ekelbursche" extra laut aus. Ich musste dann immer aufpassen, dass Stevie nicht in Rage kam, ich meine, weil er ihn sonst vielleicht angesprochen hätte, aber weiter nichts, Steve ist kein Mensch, der jemandem Gewalt antut. Oft las Stevie mir abends im Podium weiter vor, was er am Vor- und Nachmittag begonnen hatte. Einmal als er mir im Podium vorlas, ich will nicht sagen, das Buch war obszön, aber auf jeden Fall war es zweideutig, weiße Elefanten kamen auch darin vor, wurde er in seiner Begeisterung immer lauter. Alle Leute im Podium reckten die Hälse und sahen uns an. Stevie war so in dem Buch aufgegangen, dass er das gar nicht bemerkte und weiterlas. Zwischen zwei Sätzen sagte ich: "Komm, wir gehen mal nach draußen!" Ich musste Stevie am Arm nach draußen führen, weil er nicht aufhörte zu lesen. Wir setzten wir uns auf eine Treppe, und Stevie las weiter, vor dem Podium, wo auch immer ein ganze Schar von Typen herumhängt. Stevie las und las und lächelte, lachte manchmal und las weiter. Als er dann zu lesen aufhörte, sahen wir, dass Pierre fast neben uns saß und das alles miterlebt haben musste. Aber zum Glück waren wir durch die köstliche Lektüre bei bester Laune, so dass uns das nicht störte. Wir gaben noch einige unserer besten Schimpfwörter zum Besten und gingen dann in einem höchst beschwingten, ja geradezu angetörnten Zustand nach Haus. Wenn Stevie nicht vorlas, erzählte ich von England, von meinem ersten Besuch in Birmingham und von meinen Freunden dort.
Das war ungefähr ein halbes Jahr nachdem ich Hannah kennen gelernt hatte. Damals war sie noch im Lehrlingsheim, hatte Ausgang und machte die bürokaufmännische Lehre. In diesem Heim war sie noch freiwillig, weil ihre Mutter gestorben, ihr Vater ein Säufer war. Wir sahen uns ungefähr zwei Stunden am Tag, was für mich zwar ausreichte festzustellen, dass sie noch unschuldig war, das uns aber im allgemeinen doch viel zu wenig war. Wir entschlossen uns also nach Birmingham zu fahren, weil ich eine Adresse hatte von jemanden, der dort wohnt. Kenneth Taylor hieß er, wir nannten ihn aber einfach Ken. Er war mal hier in Essen mit einem Freund, den man Faz nannte. Ich hatte damals die Gelegenheit wahrgenommen und meine ersten, kümmerlichen Englischkenntnisse an den Mann gebracht. Da ich meine Arbeit verloren, meiner Mutter davon aber noch nichts gesagt hatte, sondern jeden morgen mit den Butterbroten aus dem Haus und in die Innenstadt gegangen bin, kam mir die Idee mit der Reise auch so sehr recht. Am letzten Tag vor der Reise war meine Mutter auch in der Innenstadt und sah mich, mit meinen Butterbroten, genau in dem Augenblick, in welchem ich sie entdeckte. Ich rannte ein Stück und versteckte mich hinter einem Auto, das idiotischste, was ich machen konnte. Wenn ich heute darüber nachdenke, so kann ich das nicht als ernstlichen Versuch, mich zu verbergen, sondern nur als eine schizophrene Geste deuten. Meine Mutter kam mir nach in mein Versteck, sagte: "Lass uns heute Abend darüber sprechen", und ging.

Dann ging ich in den Pop in Club um meinen Bruder zu treffen, der zu jener Zeit nicht zu Hause wohnte, weil er gesucht wurde, von der Polizei und von der Fürsorge, und dem meine Mutter immer das Mittagessen zum Burgplatz oder in den Pop in Club brachte, immer kulinarische Genüsse von hoher Quantität, weil mein Bruder Klaus immer mit allen Typen, die bei ihm waren, und von denen mindestens die Hälfte von irgend jemanden gesucht wurde, teilte. Bei meinem Bruder war an diesem Tag auch Eddy Hunt aus Birmingham, der von Ken den Rat bekommen hatte, wenn er zum Kontinent fährt, mal nach Essen zu fahren und nach Wolfgang Stell zu fragen. Klaus ging mit Eddy auf der Kettwiger Straße Gitarre spielen und singen. Die haben ganz schön Geld eingesammelt.

An diesem Abend ging ich wie gewöhnlich mit Hannah zu mir nach Hause. Hannah setzte sich in mein Zimmer, ich ging zu meiner Mutter und sagte: "Also, pass mal auf, Mutter, ich arbeite schon seit einer Woche nicht mehr, und noch was, ich fahr morgen früh nach England, für vorläufig." "Und Hannah?" fragte meine Mutter kaum aus der Fassung gebracht, "Hannah fährt mit", sagte ich, jetzt langsam meine zynische, vorgetäuscht zynische Haltung ablegend. "Ihr habt doch gar kein Geld", "Hannah hat ihren letzten Lohn noch nicht abgegeben, 130 Mark. Ich hab' noch fünfzig." Meine Mutter sah mir an, dass ich selbst nicht so sicher war, mit hundertachtzig Mark bis nach England zu kommen, und ich sah meiner Mutter an, dass sie mir nur allzu gern etwas Geld gegeben hätte, wenn sie es nur gehabt hätte. Sie ging nun langsam, wie zufällig zu meinem Zimmer und lachte und scherzte mit Hannah, die sich, vollkommen verschüchtert zu einem harten, steifen Lächeln zwang. In meinem Zimmer zeigte ich meiner Mutter die ganzen Kleidungsstücke, die Hannah im Laufe der Zeit hierher geschmuggelt hatte. Als ich an diesem Abend Hannah zum Heim brachte, war mein Gemüt ambivalent: ich war gleichzeitig fröhlich, fast ausgelassen und auf irgendeine Art doch traurig.



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Rezensionen


Rezension von Jasmin38:


Am Anfang liest sich dieses Buch wirklich merkwürdig. Es wirkt eher wie ein Tagebuch und man hat das Gefühl, dass überhaupt kein Konzept dahinter steckt. Da hat anscheinend wirklich einer mal so drauflos geschrieben. Wenn man darüber hinweg ist, will man aber auf einmal wirklich wissen wie es weiter geht und kann überhaupt nicht mehr aufhören zu lesen. Wie auch auf der Rückseite steht, ist es anscheinend ein absolut unverfälschtes Zeitdokument aus den 70ern. So ein Buch habe ich noch nie gelesen (und ich habe wirklich schon viel gelesen). Es ist absolut außergewöhnlich! Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass so etwas in einem "normalen" Verlag verlegt werden würde. Deshalb also VIELEN DANK LITERATURDEPOT und WEITER SO!!!

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Rezension von Zwergnase73:


Siebziger Jahre pur. Eine offensichtlich wahre Autobiographie, die so authentisch geschrieben ist, dass man das Gefühl hat, die eigenen Haare würden beim Lesen wachsen. Unbekümmerte Jugend im Ruhrpott und eine Denkweise, wie sie heute kaum mehr vorstellbar erscheint. Stoff für einen Film.

Diese Rezension fanden 1 von 1 Leser hilfreich.

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